Was haben Peter Reid aus Kanada, der Australier Chris McCormack und Mark Allen aus den USA gemeinsam? Sie alle haben mindestens schon einmal den Ironman Hawaii gewonnen – durch einen famosen Marathon zum Abschluss des Rennens. Zwischen 2:40 und 2:50 Stunden muss man die 42,195 Kilometer auf hügeliger Strecke auf Big Island bei drückender Hitze schon laufen können, will man am Ende ganz oben auf dem Treppchen stehen – und das nach 3,9 Kilometern Schwimmen im welligen Pazifik und 180 Kilometern Radfahren gegen die unbarmherzigen Mumuku-Winde.
Für die gut trainierten Triathlon-Profis ist das Lauftempo an sich kein großes Problem – jeden der Top-Athleten könnte man nachts um vier Uhr aus dem Bett klingeln und er würde den Marathon in 2:50 laufen. Doch nach über fünf Stunden Vorbelastung kommen viele Faktoren ins Spiel. Auf dem Rad werden gegensätzliche Muskeln gefordert, sodass man zunächst einmal das Gefühl hat, wie „auf Eiern zu laufen“. Energetisch ist es schwierig, die Menge an Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen, die man benötigt. Man schwitzt sehr stark und der Körper ist mit der sportlichen Belastung derart beschäftigt, dass bei vielen der Stoffwechsel nicht mehr wie gewohnt funktioniert und der Magen zu streiken beginnt. Wer in den Stunden zuvor Fehler bei der Nahrungsaufnahme gemacht hat, wird beim Marathon nun bitter bestraft.
Außerdem zahlt es sich in der letzten Disziplin des Ironman besonders aus, wenn man über den Winter brav seine Bauch- und Rückenmuskulatur gestärkt hat. Kräftesparend kann jetzt nur laufen, wer auch nach sieben Stunden Belastung noch den Rumpf aufrecht und die Körperstreckung einhalten kann. Zum Vergleich: ein guter Marathonläufer muss dies nur für etwas über zwei Stunden schaffen.
Bei Betrachtung dieser Faktoren kann man das Laufen als die wichtigste Disziplin im Ironman bezeichnen. Nach dem Radfahren ist die Spitze meist noch eng beieinander, doch dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Selbst wenn ein guter Radfahrer auf den 180 Kilometern zehn Minuten Vorsprung herausgefahren hat und mit 3:00 einen anständigen Marathon draufsetzt, wird es aller Voraussicht nach nicht zum Titel reichen – dafür sorgen die Sub-2:50-Marathonläufer. Selten hat in den letzten Jahren die Radfahrerfraktion gewonnen. Die Deutschen Normann Stadler (2004, 2006) und Faris Al-Sultan (2005) sind da die Ausnahme. In allen anderen Rennen der letzten zehn Jahre triumphierte ein Top-Läufer.
So auch im Jahr 2009. Bei den Männern schmolz der Vorsprung des nach dem Radfahren in Front liegenden Chris Lieto (USA) dahin wie ein Eis in der Sonne. Seite an Seite liefen Titelverteidiger Craig Alexander und der Rostocker Andreas Raelert, die nach dem Radfahren noch rund zwölf Minuten zurück lagen, auf den ersten 17 Kilometern höllische 3,49 Minuten pro Kilometer. Somit war es nur eine Frage der Zeit, wann Lieto’s Zeit als Führender abgelaufen war. Um 2:31 Uhr, nach 7:46 Stunden Rennzeit, übernahm der Australier Alexander, der sich kurz zuvor von Raelert abgesetzt hatte, die Spitze des 1.796 Athleten starken Teilnehmerfeldes und gab sie nicht mehr her. In 8:20,21 Stunden gewann er die 31. Auflage des Ironman Hawaii und schaffte insbesondere durch seinen schnellen Marathon (2:48,05) als erst vierter Mann der Hawaii-Geschichte überhaupt die Titelverteidigung.
Auf den Plätzen zwei und drei folgten Chris Lieto (8:22,56) und Andreas Raelert (8:24,32) als bester Deutscher. Raelert wurde somit seiner Rolle als Geheimfavorit gerecht und feierte als ehemaliger Weltklasseathlet über die Olympische Distanz nun ein starkes Kona-Debüt. Der Eberbacher Ironman-Europameister Timo Bracht (8:28,52), der für Luxemburg startende Waiblinger Dirk Bockel (8:29,55) und Faris Al-Sultan aus München trugen als Sechster, Siebter und Zehnter ebenfalls zum erfreulichen Abschneiden aus deutscher Sicht bei.
Bei den Frauen stellten sich angesichts der Dominanz der Britin Chrissie Wellington, die an der Spitze einsam ihre Kreise zog und sich ungefährdet zum dritten Mal in Folge den Siegerkranz aufsetzte, nur zwei Fragen: Wer würde den zweiten Platz belegen und würde die Weltbestzeit der Frauen fallen? Die 8:55,52 Stunden von Paula Newby-Fraser aus Simbabwe waren 17 Jahre lang unangetastet geblieben – bis zum 10. Oktober 2009. Wellington unterbot den Uralt-Rekord um fast zwei Minuten und trug sich mit 8:54,02 auf Gesamt-Platz 23 (!) in die Geschichtsbücher ein. Dahinter pirschte sich Mirinda Carfrae aus Australien bei ihrem ersten Hawaii-Start (9:13,59) an die nach dem Radfahren Zweit- und Drittplatzierten Tereza Macel (Tschechien/4.) und Virginia Berasategui (9:15,28) heran, überholte beide und sicherte sich mit neuem Marathon-Rekord (2:56,51) Rang zwei vor der Spanierin. Beste Deutsche wurde Sandra Wallenhorst in 9:38,28 als Neunte.
Matthias Heim


Ein schöner Bericht von dem Ironman Hawaii! Vor allem die Einleitung mit den allgemeinen Worten zum Triathlon/Ironman passt wunderbar.